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Marktpreis
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Der Marktpreis ist in der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre der Preis, der fĂŒr GĂŒter und Dienstleistungen auf einem Markt zu einem bestimmten Zeitpunkt von Marktteilnehmern bezahlt und erzielt wird.

Als GĂŒter mit einem Marktpreis kommen insbesondere Roh-, Hilfs-, und Betriebsstoffe („RHB-Stoffe“), Halbfabrikate, Zwischenprodukte, Fertigerzeugnisse und Handelswaren in Frage. Neben diesen materiellen GĂŒtern gibt es noch immaterielle GĂŒter wie Forderungen, Firmenwerte, Urheberrechte und verwandte Schutzrechte wie Konzessionen, Lizenzen, Patente, Warenzeichen, Markenzeichen, Geschmacksmuster oder Gebrauchsmuster. Der Marktpreis von Dienstleistungen heißt oft Entgelt, GebĂŒhr, Marktzins oder Provision.

Contents

‱ Geschichte
‱ Kalkulation
‱ Weblinks

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Geschichte

Der Merkantilist Richard Cantillon unterschied im Jahre 1755 erstmals zwischen Marktpreis und natĂŒrlichem Preis.cite-ref-1[1] Danach hĂ€nge der Marktpreis von Angebot und Nachfrage ab und könne zeitweilig wegen der Marktentwicklung ĂŒber oder unter dem natĂŒrlichen Preis liegen, weil es schwierig sei, „die Erzeugung von Waren und Nahrungsmitteln dem Gebrauch anzupassen“.cite-ref-2[2] Der natĂŒrliche Preis ist bei Cantillon der Gleichgewichtspreis, zu dem Marktgleichgewicht herrscht. Adam Smith sah in seinem Buch Der Wohlstand der Nationen im MĂ€rz 1776 die Produktionskosten als Grundlage des Marktpreises an, sie entsprĂ€chen dem natĂŒrlichen Preis. David Ricardo schrieb 1817, der Marktpreis bestimme sich allein durch die Arbeitskosten; die Nachfrage habe keinen Einfluss auf die Preisbildung.cite-ref-3[3] Beide unterschieden wie bereits die Physiokraten zwischen dem kurzfristigen Marktpreis (englisch market price, französisch prix courant) und dem dauerhaften durchschnittlichen Preis (englisch natural price, französisch prix naturel; natĂŒrlicher Preis).cite-ref-4[4] Jean Baptiste Say verstand 1827 unter dem Marktpreis „dasjenige Geld-Quantum, um welches ein Product durchgĂ€ngig zu kaufen oder zu verkaufen steht“.cite-ref-5[5] Ricardo erkannte, dass der Marktpreis das VerhĂ€ltnis zwischen Angebot und Nachfrage anzeigt.cite-ref-6[6]

Das im Juni 1794 in Kraft getretene Allgemeine Preußische Landrecht (PrALR) legte in Art. 353 PrALR fest, dass – wenn im Vertrag der Marktpreis oder der Börsenpreis als Kaufpreis bestimmt ist – „so ist im Zweifel hierunter der laufende Preis, welcher zur Zeit und an dem Orte der ErfĂŒllung oder an dem fĂŒr letzteren maßgebenden Handelsplatze nach den dafĂŒr bestehenden örtlichen Einrichtungen festgesetzt ist,..“ der mittlere Preis zu verstehen.cite-ref-7[7] Es stellte damit Marktpreis und Börsenpreis erstmals auf eine Ebene. Der Jurist Wilhelm Endemann definierte 1853 den Marktpreis als den Preis „welcher fĂŒr eine Waare im offenen Handel (im kaufmĂ€nnischen Markt- oder Börsenverkehre) zu einer bestimmten Zeit allgemein verlangt und gewĂ€hrt wird“.cite-ref-8[8] Demnach haben nur die im Markt oder an der Börse umgesetzten Waren einen Marktpreis. Das ADHGB vom Mai 1861 ĂŒbernahm den Marktpreis in Art. 357d ADHGB. Das Reichsoberhandelsgericht (ROHG) definierte im April 1871 den Marktpreis in einem Urteil folgendermaßen: „Als Marktpreis eines gewissen Platzes ist 
 derjenige Durchschnittspreis zu betrachten, welcher sich bei Vergleichung einer erheblichen Zahl von an diesem Orte geschlossenen GeschĂ€ften als der, von den besonderen persönlichen Beziehungen und sonstigen speziellen UmstĂ€nden des GeschĂ€ftsschlusses unabhĂ€ngige, gemeine Werth der betreffenden Waare darstellt“.cite-ref-9[9] Es schrieb dem Marktpreis die Merkmale ReprĂ€sentativitĂ€t und ObjektivitĂ€t zu.

Marktpreis in den Wirtschaftswissenschaften

Voraussetzungen fĂŒr den Marktpreis sind die HomogenitĂ€t der Produkte/Dienstleistungen, ein aktiver Markt mit umsatzwillgen KĂ€ufern und VerkĂ€ufern und öffentlich beobachtbare Preise. Die klassische Nationalökonomie benutzte den durch Angebot und Nachfrage zustande kommenden Marktpreis als Gegensatz zum „natĂŒrlichen Preis“.cite-ref-10[10] Wird von einem Gut zu wenig oder zu viel angeboten oder nachgefragt, so steigt oder sinkt der Marktpreis ĂŒber oder unter den natĂŒrlichen Preis. Bei Überangebot liegt der Marktpreis also eher unter den Herstellungskosten, bei Übernachfrage steigt er darĂŒber.cite-ref-11[11] Bei der Preisbildung kann es vorkommen, dass sich kein stabiles Gleichgewicht einstellt. Das Spinnwebtheorem beschreibt einen Fall, in dem der Marktpreis um das Marktgleichgewicht mit zunehmender, konstanter oder abnehmender Amplitude oszilliert. Das Konzept des Marktpreises löste Vorstellungen von einem gerechten Preis ab.

Gleichgewichtspreis

Der Marktpreis kann um den natĂŒrlichen Preis oszillieren, muss aber schließlich immer wieder dessen Höhe erreichen,cite-ref-12[12] denn der natĂŒrliche Preis ist laut Adam Smith der „zentrale, auf den die Preise aller GĂŒter stĂ€ndig hinstreben“.cite-ref-13[13] Dieser Gleichgewichtspreis liegt grafisch im Marktdiagramm am Schnittpunkt der Angebots- und Nachfragekurve. Am Schnittpunkt ergibt sich eine MarktrĂ€umung, weil angebotene und nachgefragte Mengen ĂŒbereinstimmen; diese Menge ist die Gleichgewichtsmenge.cite-ref-14[14] Aus der Angebotsfunktion

x a = f ( p ) {\displaystyle x_{a}=f(p)}

und der Nachfragefunktion

x n = f ( p ) {\displaystyle x_{n}=f(p)}

lÀsst sich folgende Gleichgewichtsfunktion ableiten:

x a − − x n = 0 {\displaystyle x_{a}-x_{n}=0}

Darin sind:
x a {\displaystyle x_{a}} die Angebotsmenge
x n {\displaystyle x_{n}} die Nachfragemenge
p {\displaystyle p} der Marktpreis.
Entsprechend wird bei einem Überangebot der Preis hin zum Gleichgewichtspreis sinken, bei Übernachfrage entsprechend steigen. Auch der Gleichgewichtspreis erfĂŒllt sĂ€mtliche Preisfunktionen.

Kalkulation

Aus Sicht der Preiskalkulation ist der Marktpreis ein nachfrageorientierter Preis, der sich aus dem im Markt realisierbaren Durchschnittserlös abzĂŒglich der durch den KostentrĂ€ger verursachten Gesamtkosten errechnet.cite-ref-15[15] Die Selbstkosten und die Gewinnmarge sind die Bestandteile des kalkulatorischen Marktpreises. Dabei können preistaktische Überlegungen wie die Preisuntergrenze berĂŒcksichtigt werden. Die retrograde Kalkulation (auch RĂŒckrechnung genannt) orientiert sich am Marktpreis. Der Konkurrenzdruck und gut informierte KĂ€ufer bestimmen den Marktpreis, der durch den Anbieter nicht beeinflussbar ist, so dass er sich als Mengenanpasser verhĂ€lt. Ausgehend vom Marktpreis ergibt die RĂŒckrechnung letztlich denjenigen Einstandspreis, zu dem sich die Produktion/Weiterverarbeitung und der anschließende Vertrieb noch lohnt.

Marktpreis im Recht

Der Marktpreis ist auch ein Rechtsbegriff, bei dem es jedoch an einer Legaldefinition fehlt. Der Bundesgerichtshof (BGH) sieht im Marktpreis das ortsĂŒbliche Entgelt,cite-ref-16[16] also der am ErfĂŒllungsort zur ErfĂŒllungszeit fĂŒr bestimmte Waren einer bestimmten Gattung gezahlte Durchschnittspreis.cite-ref-17[17]

Im Handelsrecht ist der Marktpreis mit dem Börsenpreis gleichgestellt. Börsenpreise sind alle Börsenkurse, die fĂŒr die an einer Börse gehandelten Effekten (Effektenbörse) oder Commodities (Warenbörse) notiert werden. Alle ĂŒbrigen Preise auf einem aktiven Markt sind Marktpreise. Soweit jedoch kein aktiver Markt besteht, anhand dessen sich der Marktpreis ermitteln lĂ€sst, ist der beizulegende Zeitwert mit Hilfe allgemein anerkannter Bewertungsmethoden zu bestimmen (§ 253 Abs. 4 HGB). Das Niederstwertprinzip des § 253 Abs. 4 HGB verlangt beim Umlaufvermögen die Zugrundelegung von Börsen- oder Marktpreisen, um den niedrigsten Wert eines Vermögensgegenstands zu ermitteln. Dabei setzt § 255 Abs. 4 HGB den beizulegenden Zeitwert dem Marktpreis gleich.cite-ref-18[18] Hierdurch sind sowohl der Börsenpreis als auch der den beizulegende Zeitwert handelsrechtlich dem Marktpreis gleichgestellt.

Bilanzrechtlich ist der Marktpreis ein Preis, der fĂŒr vergleichbare Vermögenswerte wie dem zu bewertenden Vermögenswert auf einem aktiven Markt am Bilanzstichtag (zeitgleich) gezahlt wird. Vergleichbar bedeutet hierbei, dass alle preisbildenden Parameter weitgehend gleich sind, so dass keine Anpassungen des beobachteten Preises vorgenommen werden mĂŒssen. Ein aktiver Markt zeichnet sich dadurch aus, dass weitgehend homogene Vermögenswerte zu öffentlich zugĂ€nglichen Preisen gehandelt werden und in der Regel jederzeit vertragswillige KĂ€ufer und VerkĂ€ufer zu finden sind. Der Marktpreis wird als an einem aktiven Markt ermittelt angesehen, wenn er an einer Börse, von einem HĂ€ndler, von einer Branchengruppe oder von einer Aufsichtsbehörde leicht und regelmĂ€ĂŸig erhĂ€ltlich ist und auf aktuellen und regelmĂ€ĂŸig auftretenden Markttransaktionen zwischen unabhĂ€ngigen dritten Marktteilnehmern beruht. Ist Wertersatz zu leisten, bestimmt sich der Wert des Gutes nach dem Marktpreis (§ 429 Abs. 3 HGB).

Das BGB erwÀhnt den Börsen- oder Marktpreis vor allem bei der Verwertung von Kreditsicherheiten (VerpfÀndung: § 1221 BGB, § 1235 Abs. 2 BGB; gesetzliches Pfandrecht: § 1259, Pfandrecht an Rechten: § 1279 und § 1295 BGB).

Sind steuerrechtlich WirtschaftsgĂŒter vergleichbarer Art und GĂŒte am Markt tatsĂ€chlich erhĂ€ltlich, so stimmt der Marktpreis in aller Regel mit dem Teilwert ĂŒberein.cite-ref-19[19]

Wirtschaftliche Aspekte

Der Marktpreis dient zur Bewertung der Mengen von WirtschaftsgĂŒtern, es gilt mithin:

Vorratsvermögen = Bestand ⋅ ⋅ Marktpreis {\displaystyle {\text{Vorratsvermögen}}={\text{Bestand}}\cdot {\text{Marktpreis}}} .

Der Marktpreis ist somit fĂŒr die nach der Inventur stattfindende Bilanzierung eine unverzichtbare Wertkonvention. In der Volkswirtschaftslehre dient der Marktpreis als Berechnungsgrundlage der volkswirtschaftlichen Kennzahlen der Inflationsrate, des Bruttoinlandsprodukts oder des Preisindex.

Je nach Verbreitungsgrad eines Marktes können folgende Marktpreise unterschieden werden:

| Marktform | Marktpreis | ökonomische Ebene |
|---|---|---|
| Wochenmarkt | lokaler Preis | Mikrodaten |
| Binnenmarkt | Binnenmarktpreis | Mesodaten |
| Weltmarkt | Weltmarktpreis | Makrodaten |

Stimmen Weltmarktpreis und Binnenmarktpreis (zufĂ€llig) ĂŒberein, so handelt es sich um ein Marktgleichgewicht. Liegt der Weltmarktpreis ĂŒber dem Gleichgewichtspreis auf dem Binnenmarkt, so wird die inlĂ€ndische Produktion ihr GĂŒterangebot im Rahmen der Angebotskurve ausdehnen; umgekehrt wird die inlĂ€ndische GĂŒterproduktion sinken oder eingestellt, weil der Weltmarktpreis niedriger ist als der Binnenmarktpreis.cite-ref-20[20]

Weblinks

Wiktionary: Marktpreis

– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

‱ Marktpreis – Definition im Gabler Wirtschaftslexikon
‱ Marktpreis – kurzer Artikel der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung auf bpb.de

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Richard Cantillon, Essay sur la nature de commerce en gĂ©nĂ©ral, 1755/1931, S. 17 ff.
cite-note-22. ↑ Richard Cantillon, Essay sur la nature de commerce en gĂ©nĂ©ral, 1755/1931, S. 17
cite-note-33. ↑ David Ricardo, Über die GrundsĂ€tze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung, 1817/1994, S. 325
cite-note-44. ↑ Alfred Eugen Ott, GrundzĂŒge der Preistheorie, 1997, S. 22
cite-note-55. ↑ Jean Baptiste Say/Karl Eduard Morstadt, AusfĂŒhrliche Darstellung der Nationalökonomie oder der Staatswirthschaft, Band 1, 1830, S. 536
cite-note-66. ↑ Jean Baptiste Say/Karl Eduard Morstadt, AusfĂŒhrliche Darstellung der Nationalökonomie oder der Staatswirthschaft, Band 1, 1830, S. 539
cite-note-77. ↑ Carl Koch, Allgemeines Landrecht fĂŒr die preußischen Staaten, Band 3, 1863, S. 355
cite-note-88. ↑ Wilhelm Endemann, Lehrbuch des Handelsrechts, 1853, S. 270
cite-note-99. ↑ ROHG, Urteil vom 13. April 1871 Az.: Rep. 130/71, ROHGE 2, 194, 196
cite-note-1010. ↑ Verlag Th. Gabler (Hrsg.), Gabler Wirtschafts-Lexikon, Band 4, 1984, Sp. 233
cite-note-1111. ↑ Wolfram Braun, Die Organisation ökonomischer AktivitĂ€ten, 1987, S. 17
cite-note-1212. ↑ Eckart Karselt, Die Kostenidee in der modernen Theorie, 1934, S. 6
cite-note-1313. ↑ Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, 1776/1982, S. 51
cite-note-1414. ↑ Horst Siebert/Oliver Lorz, EinfĂŒhrung in die Volkswirtschaftslehre, 2007, S. 52 f.
cite-note-1515. ↑ Ludwig G. Poth, Gabler Marketing Begriffe von A – Z, 1999, S. 261
cite-note-1616. ↑ BGH NJW 2000, 1254, 1255 zum Kaufvertrag
cite-note-1717. ↑ BGH NJW 1979, 758, 759
cite-note-1818. ↑ BT-Drs. 16/10067 BT-Drucksache 16/10067 vom 30. Juli 2008, Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung des Bilanzrechts, S. 61
cite-note-1919. ↑ BFH, Urteil vom 29. Juli 1965, Az.: IV 164/63 U 0 = BFHE 83, 413
cite-note-2020. ↑ Peter Zweifel/Robert H. Heller, Internationaler Handel: Theorie und Empirie, 1997, S. 36